Süddeutsche Zeitung vom 23. Mai 2000

Jesus liebte auch die Männer

Die Fundamentalisten fahren mit: Terrence McNallys umstrittenes Passionsspiel "Corpus Christi" geht auf Gastspielreise - Karlsruhe will es nicht spielen

Erika Karlinger ist Ulmer CDU-Stadträtin und hat in den nächsten Tagen einiges vor. Sie will ein Theaterstück lesen, weiß allerdings schon jetzt, dass es auf der "niedersten Ebene mies und fies" ist. Gemeint ist Terrence McNallys "Corpus Christi", in dem Jesus Christus als Homosexueller dargestellt wird. Mit seiner zeitgenössischen Passionsgeschichte will McNally für Toleranz und Nächstenliebe werben, berührt aber eines der letzten Tabus einer weitgehend enttabuisierten Moderne. Wird das Leben Jesu mit homoerotischen Glaubensbekenntnissen verknüpft, ist bei einem Teil der Christen Schluss mit Toleranz und Nächstenliebe. Seit der deutschen Erstaufführung des Stückes sieht sich das Heilbronner Theater einer zum Teil militanten Kampagne bis hin zu Bombendrohungen ausgesetzt.

Auf der anderen Seite solidarisieren sich deutsche Theater und laden die Inszenierung zu Gastspielen ein. Erste Station wird Ulm sein, was Erika Karlinger zusammen rnit ihrem Fraktionskollegen Hans-Walter Roth allerdings verhindern will. "In Frankfurt wurde Rainer Werner Fassbinders "Der Müll, die Stadt und der Tod" nicht gezeigt, weil die Belastung für unsere jüdischen Mitbürger zu groß war. Da ist es doch wohl selbstverständlich, dass ein Stück wie "Corpus Christi", das eine schwere Belastung für gläubige Christen darstellt, in Ulm ebenfalls nicht zur Aufführung kommt", sagt die Stadträtin - und dass "die Freiheit der Kunst natürlich ein hohes Gut sei, jede Freiheit aber ihre Grenzen habe."

Alleine steht sie nicht. Inzwischen machen skandalisierte Christen bundesweit gegen "Corpus Christi" mobil und brachten Anfang April in Heilbronn über 1000 Demonstranten auf die Beine. Das Ergebnis: Drei Festnahmen und Schlägereien an einem Stand der Aids-Hilfe. Organisiert wurde die Demonstration von Pfarrer Winfried Pietrek aus Lippstadt, der geistlicher Berater der Partei der Christlichen Mitte ist, einem Sammelbecken für katholische Rechstausleger, militante Abtreibungsgegner und Glaubensfundamentalisten. Pietrek ist seiner Zeit insofern voraus, als er bereits die Demonstrationstermine für die "Corpus Christi"-Gastspiele in Ulm, Pforzheim, Tübingen, Karlsruhe und Freiburg von Juni bis Mitte Juli festgelegt hat - in Karlsruhe sind die Verantwortlichen nun eingeknickt: da nicht auszuschließen sei, das es bei den Gegendemonstrationen "zu Behinderungen, ja Androhungen von Gewalt oder einzelnen Gewaltaktionen vor dem Theater" kommen könne, wurde das Gastspiel jetzt abgesagt.

Ein erster Erfolg also für Pfarrer Pietrek, der vermutet, dass "die Menschen mit Stücken wie "Corpus Christi" zur Homosexualität verführt werden sollen". Für die offizielle Kirche ist die Partei der Christlichen Mitte schon seit einiger Zeit zum Problem geworden. "Die Einschätzung der Christlichen Mitte schwankt zwischen rechtpopulistisch und rechtsextrem. So wurde zum Beispiel die Oder-Neiße-Linie von der bundesweit organisierten Partei als polnische Westgrenze abgelehnt", sagt Harald Baer, Weltanschauungsbeauftragter bei der katholisch-sozialethischen Arbeitsstelle der deutschen Bischofskonferenz. Mitglieder der Partei seien auch als fanatische Islamgegner auffallen - pikant ist, dass in Heilbronn auch radikale Islamisten Front gegen "Corpus Christi" machten.

Dass "Corpus Christi" einen auch gewaltbereiten rechtschristlichen Bodensatz aufwirbelt, überrascht die katholische und evangelische Kirche, obwohl die Gruppierungen und Aktivisten bekannt sind. "In rechtschristlichen Gruppen gibt es ein relativ hohes Aggressionspotential", sagt Hansjörg Hemminger, Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Württemberg, während seine Kirchenoberen immer noch der Ansicht zu sein scheinen, man könne verirrte Christen irgendwann wieder eingemeinden. Die offizielle Kirche jedenfalls hat sich bislang im Fall von "Corpus Christi" nicht eindeutig von Rechtsauslegern in ihren Reihen distanziert.

Von Paul Deeken etwa, der für den Kreis katholisch-apostolischer Tradition in Cloppenburg spricht und "pathologischen Seelenschlamm auf der Heilbronner Bühne ausgemacht hat. Deeken sieht in Intendant Klaus Wagner einen Erfüllungsgehilfen des Satans: "Was da geschieht ist eine Vorbereitung für den Auftritt des Antichristen. Die das machen, sind geistig abartig und wollen alle anderen verführen". Seine Sicht der Dinge hat er auch an deutsche Bischöfe und christliche Bundestagsabgeordnete wie Manfred Carstens (CDU) aus dem Oldenbugischen Emstek weitergeleitet. Dass auch der das Stück nicht kennt, versteht sich von selbst, trotzdem findet er es unverschämt, "dass über Jesus Christus ein derartig herabwürdigendes Theaterstück geschrieben und aufgeführt wird". Und in Richtung des parteilosen Heilbronner Oberbürgermeisters, Helmut Himmelsbach, meint er, nur eine Absetzung des Stückes zeuge von Verantwortungsgefühl und christlichem Denken.

Himmelsbach allerdings steht weiterhin hinter seinem Intendanten, während den anderen süddeutschen Städten die Nagelprobe noch bevorsteht. Ulms Intendant, Ansgar Haag, Katholik und in seiner Kirchengemeinde engagiert, steht bis jetzt jedenfalls zu seiner Gastspielzusage - "aus Solidarität mit dem Heilbronner Theater und als Demonstration für die Freiheit der Kunst". Der Antrag der beiden CDU-Stadträte Karlinger und Roth, das Gastspiel wieder abzusagen, wird demnächst im Kulturausschuß beraten.

JÜRGEN BERGER